Aktuell –
Business Blog

  • Sie sind hier
  • Aktuell
  • Blog
  • Mexiko nach "El Chapos" Auslieferung

Blog | | von H. Wauer

Mexiko nach "El Chapos" Auslieferung

Joaquin Guzman Loeras Auslieferung von Mexiko in die USA hat zu Beginn des Jahres zu einem großen Medienecho geführt.

Der Prozess wurde als „politisch“ eingestuft, da er nur wenige Tage vor der Vereidigung von Donald Trumps Amtseinführung abgeschlossen wurde. Die Konsequenzen der Auslieferung gingen allerdings in den Schlagzeilen über Obamas unwahrscheinlichen Nachfolger unter. Mexiko versinkt derweil in einer neuen Welle der Gewalt. Machtkämpfe und Generationswechsel haben zu der höchsten Mordrate in Sinaloa seit 2011 geführt. El Chapos Erben werden von der Konkurrenz getestet – dabei sind es nicht nur die althergebrachten Feinde sondern auch ehemalige Verbündete, die ihre Macht anfechten.

Eine „politisch“ aufgeladene Auslieferung

Laut einem New York Times Artikel waren weder das Timing noch die Auslieferung selbst von Vertretern der US Regierung zu erwarten – jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Schnell wurden Spekulationen angestellt, dass die Auslieferung als Nachricht an Donald Trump zu verstehen sei. Kooperation, so lautete diese, wird von der mexikanischen Regierung geschätzt und belohnt. Eine Auslieferung nur ein paar Tage später hätte Donald Trump zu seinem ersten Coup in einer jungen Präsidentschaft verholfen.  

In Mexiko heiß diskutiert

In dem Zentralamerikanischen Staat selbst war die Auslieferung lange das Thema öffentlicher Debatten. Guzmans Anwälte haben sich über Jahre darauf berufen, dass eine Auslieferung gegen die Menschenrechte verstoße. Zudem ist der Drogenboss in seinem Heimatstaat Sinaloa in der Bevölkerung recht populär. Diese Beliebtheit gründet sich auf einem Robin Hood Mythos – El Chapo investierte viel in die lokale Infrastruktur, ist ein Arbeitgeber in der Region und sorgte für relative Sicherheit innerhalb der Region, die von seinem Kartell beherrscht wurde. Diese Komponente ist extrem wichtig, um zu verstehen, welche Auswirkungen seine Auslieferung nun hat.

Kartell Machtkämpfe

Da El Chapo in einem US-amerikanischen Staat, der die Todesstrafe nicht anwendet, auf sein Verfahren wartet, ist der mächtigste Drogenbaron Mexikos von der Bildfläche verschwunden. Und obwohl die Kartelle längst wie große Unternehmen mit einer klaren Hierarchie und Nachfolgereglung strukturiert sind, zog das Machtvakuum Konflikte mit sich. Einer der öffentlich am meisten diskutierten Konflikte ist dabei der zwischen El Chapos Kindern und seinem ehemaligen Weggefährten Damso Lopez Nunez. Der ehemalige Sinaloa State Police Chief und Vizepräsident  des Puente Grande Gefängnisses half El Chapo während seiner Flucht von eben jenem Gefängnis in 2001.

Nachdem El Chapo von der Bildfläche verschwand wandte er sich gegen dessen Familie und versuchte seine Söhne umzubringen, was in Folge dessen zu einem Krieg innerhalb des Kartells führte. Dieser Krieg wird untermalt von Al Jazeera Statistiken zu der Mordrate in Sinaloa. Seit 2011 wurden monatlich im Durchschnitt 92 Menschen getötet – im Februar, dem ersten Monat nach Guzmans Auslieferung – waren es 120. Die Stabilität, die durch die regionale Kontrolle gewährleistet war ist also nicht mehr gegeben.

Generationskämpfe

Die neue Generation, die jetzt die Kontrolle über die Kartelle übernimmt ist anders als jene, die sie einst mächtig machte. Sie sind im Wohlstand aufgewachsen, ihnen fehlt der Bezug zu den Problemen der Bevölkerung – manche verachten sogar die anderen Klassen im Land. Gleichzeitig verlieren sie den Respekt vor traditionellen Werten wie „Ehre“. Ein ehemaliger Killer, der für einen Wegbegleiter El Chapos tätig war, fasst dies wie folgt zusammen „Vor 15, 20 Jahren konntest du nichts tun, wenn du jemanden töten wolltest und du diese Person mit Frau und Kindern antrafst […] heute interessiert das niemanden“. Dieses Verhalten in Kombination mit der zunehmenden Gewalt und dem nicht vorhanden Respekt vor anderen Klassen führt zu einer Entfremdung mit der lokalen Bevölkerung.

Selbstberechtigender Kreislauf in dem eskalierenden Krieg gegen die Drogen

Während der „War on Drugs“ im amerikanischen Wahlkampf noch immer als eines der wichtigsten Themen in den Mexikobeziehungen neben der Migration gilt, ist er bei Experten und der lokalen Berichterstattung in Mexiko in Verruf geraten. Ein Experte der San Diego University gibt zu verstehen, dass es einen „negativen Kreislauf der Gewalt gibt und diese sich selbst berechtigt“. Was das konkret heißen soll, ist, dass jeder Angriff auf eine Führungsfigur im Drogenkrieg zu einer Ausweitung der Macht der Kartelle und der Gewalt in Mexiko führt, welche im Umkehrschluss wieder dazu dient, gewalttätig gegen diese Fraktionen vorzugehen.

Die Auslieferung von El Chapo kann daher zusammenfassend nur bedingt als Erfolg gesehen werden. Er ist medienträchtig und ein Erfolg in einem zweifelhaften „War on Drugs“. Dennoch führen die Konsequenzen momentan klar vor Augen, dass er nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung der Situation in Mexiko führt, sondern dass er eher konträr zu einer temporären Verschlechterung der Sicherheit im Land führt.

Quellen: Al Jazeera, New York Times, Guardian, NPR
Bild: México von iivangm (CC BY-SA 2.0)

zurück zur Übersicht