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Blog | | von P. Bensmann

Leinen los! - Tag 8 - Der Golf von Aden

Heute ohne Rotwein, aber dafür mit einem Skiff
Mit einem ausgiebigen Frühstück starte ich in den Tag. Die Brücke mit ihren Steuer- und Backbordflügeln bleibt der einzige Ort zum Luftschnappen. Daran wird sich bis zum Erreichen der 15 Grad nördlichen Breite nichts ändern. Ich genieße hier die Sonne und lasse mir den Wind um die Nase wehen. Den Blick in die Ferne gerichtet, verliere ich mich in Gedanken. Nun sind wir bereits vor zwölf Stunden in den Golf von Aden eingefahren und haben gut 200 Seemeilen im internationalen Transitkorridor zurückgelegt. Als Landratte meint man, dass sich hier - Korridor hin oder her - nichts verändert hat. Gut, es sind wieder mehr Schiffe zu sehen. Mein Blick schweift 360 Grad um die eigene Achse. Soweit das Auge reicht sehe ich nichts als Wasser, obwohl wir derzeit an Steuerbord den Oman passieren und an Backbord die nordsomalische Küste. Also weiterhin: Kein Land in Sicht! Die auf der Brücke befindlichen Navigationsmittel zeichnen allerdings ein anderes Bild. Im Korridor herrscht lebhafter Schiffsverkehr. Wenigstens virtuell gibt es hier ein buntes Treiben zu sehen. Wieso das in der Realität anders ist, erklärt der diensthabende Offizier: analog des Straßenverkehrs, gibt es auch hier zwei Fahrtrichtungen. Aufgrund der enormen Breite dieser Seeschifffahrtsstraße ziehen die Schiffe so oft ungesehen aneinander vorbei. Erhöhten Sichtkontakt zu anderen Kähnen werden wir wohl erst wieder in der Straße von Bab el Mandeb haben. Die Meerenge zwischen dem Jemen und Djibouti werden wir jedoch erst in der kommenden Nacht erreichen. So werde ich das „Tor der Tränen“ mit seinen 1.400 Meter hohen Bergen leider im Schlaf passieren. Die Ironie des Namens der Meerenge, der vermutlich schon tausende Jahre existiert und erst seit kurzem als Einfahrt in die Pirateriegewässer bekannt wurde, entgeht mir nicht.


Unter Deck herrscht die übliche Geschäftigkeit. Während an Land diskutiert wird, ob „Multi Kulti“ gesellschaftlich tragbar ist, arbeitet hier eine 23-köpfige Crew aus fünf Nationen, auf engstem Raum täglich Hand in Hand. Der Schiffsbetrieb der Hatsu Crystal wird von Letten, Rumänen, Polen, Russen, Philippinern geleistet. Der Kapitän sowie die Offiziere stammen allesamt aus Osteuropa. Die einzige Ausnahme bildet der 3. Offizier, welcher genau wie die Crew, die Philippinen als seine Heimat benennt. Unabhängig des Dienstgrades oder der Herkunft: alle sind ausgesprochen freundlich, hilfsbereit und sympathisch. Nach ein paar Tagen auf See lässt sich erkennen, dass insbesondere die Zusammenarbeit unter den Offizieren herausfordernd ist. Meine Phantasie geht mit mir durch und ich stelle mir ein "normales" Unternehmen vor, in dem ein 6-köpfiger Vorstand aus fünf Nationen eine enorme gemeinsame Verantwortung trägt. Auf dem Schiff kommt aber noch etwas erschwerend hinzu: die Führungscrew ist eben kein eingeschworenes Team. Die Dienstverträge sehen eine Heuer von 4 bis 6 Monaten vor, denen sich dann ein 1 bis 3 monatiger Heimaturlaub anschließt. Kurz vor Ende der Urlaubszeit erhalten die Offiziere dann Weisung der Reederei, auf welchem Schiff sie als nächstes ihren Dienst leisten dürfen. Die Nationalitätenvielfalt und die sich ständig zusammensetzenden Mannschaften erfordern logischerweise einen besonderen Führungsstil. Die Abläufe an Bord unterliegen klaren Regeln, Verantwortungsbereiche sind klar und deutlich definiert. Somit ergibt sich keinerlei Raum für Diskussionen, oder Interpretationen im täglichen Miteinander. Klare Hierarchien bilden das Fundament einer funktionierenden Führung. Es heißt nicht umsonst: Auf jedem Schiff das dampft und segelt, gibt es EINEN der es regelt. Und falls doch mal etwas unklar sein sollte, so ist auch dies genau geregelt: "Ask the captain". Dieser Regel musste ich mich vorgestern beugen. Abweichend zur üblichen Öffnungszeit des Kioskes, welcher genau einmal die Woche öffnet, wollte ich eine Flasche Rotwein kaufen. Nach dem Regelwerk war das nicht vorgesehen, also musste der Kapitän befragt werden. Dieser ist hier ein besonders prinzipientreuer Mann und machte auch für seine Gäste keine Ausnahme. So wurde es ein Abend ohne Rotwein und der Kiosk blieb geschlossen.


Am Nachmittag wird es dann spannend. Während ich meinem neuen Hobby nachgehe und von den Außenflügeln das Meer beobachte, schleicht sich von Achtern ein Skiff in mein Sichtfeld. Dieses befindet sich noch in deutlicher Entfernung, aber es besteht kein Zweifel. Es handelt sich um den Schiffstyp, der von Piraten bevorzugt wird: wendig und mit hoher Geschwindigkeit. Verunsichert von dieser Sichtung alarmiere ich den wachhabenden Matrosen. Er wurde zusätzlich als Ausguck auf die Brücke beordert, um den Risiken dieser Gewässer gerecht zu werden. Auch ihn beunruhigt meine Beobachtung, woraufhin er den diensthabenden Offizier auf der Brücke alarmiert. Er bestätigt – Piraten im Golf von Aden! Vor Antritt meiner Reise hätte ich nicht damit gerechnet, mit den zur See fahrenden Entführern in Sichtkontakt zu kommen. Die Seeräuber sind Gott sei Dank sehr weit entfernt und ohnehin in eine andere Richtung unterwegs. Ich bete für das verfolgte Schiff, dass die Angriffe abgewehrt werden können und verliere das Piratenskiff schließlich aus den Augen.

Anmerkung der Redaktion:
Am heutigen Nachmittag gab das IMB (Internationales Maritime Bureau) folgende Meldung durch:

Ref: IMB/PRC/Alert - 029/2017 - 071230 UTC MAR 2017
TO: ALL SHIPS TRANSITING SOUTHERN RED SEA / GULF OF ADEN / OFF YEMEN

UKMTO ADVISORY - SUSPICIOUS SIGHTING

07.03.2017 AT 0834 UTC IN POSITION 13:12N - 048:58E, GULF OF ADEN.
AN MV REPORTED BEING FOLLOWED BY A TWO SKIFFS WITH 16 - 20 ARMED POB.  SKIFFS FOLLOWED ASTERN FOR 40 MINUTES. MV IS SAFE.
VESSELS ARE ADVISED TO REMAIN VIGILANT AND ADHERE TO THE LATEST BMP RECOMMENDATIONS.

ALL ATTACKS AND SUSPICIOUS SIGHTINGS SHOULD BE REPORTED.


IMB PIRACY REPORTING CENTRE
24 HOURS ANTI-PIRACY HELPLINE +603 2031 0014 FAX: +603 2078 5769
EMAIL: IMBnullKL@ICC-CCS.ORG // PIRnullACY@ICC-CCS.ORG

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