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Blog | | von P. Bensmann

Leinen los! - Tag 9 - Einfahrt ins Rote Meer

Heute mit 80.000 PS und meine langersehnte Rückkehr zum Sonnendeck

Ein weiterer Tag neigt sich dem Ende. Heute kann ich diesen auch wieder auf meinem Sonnendeck mit dem Feierabendbierchen verbringen. Wohlverdient möchte man meinen. Heute haben wir die Ausfahrt aus der High Risk Area genommen und ich freue mich, dass wir wohlbehalten aus dem Golf von Aden ausfahren.


Nach dem Schock vom Vortag ging es heute ruhiger aber nicht weniger spannend zu. Beim Frühstück – wie erwähnt quasi das Networking Event an Bord – hat mich der Chief Engineer zur Besichtigung des Maschinenraums eingeladen. So mache ich mich nach dem Essen auf in die Katakomben der Hatsu Crystal.

Vom Upper Deck, quasi dem Erdgeschoss des Containerriesen, erstreckt sich der Maschinenraum 4 Decks tief in den Bauch des Schiffes. Die Temperaturen erinnern mich an die tropische Hitze Malaysias. Öl und Maschinengeruch durchzieht die eh schon stickige Luft. Die Lautstärke in diesen düsteren Räumlichkeiten ist bloß mit Ohrenschützern zu ertragen. Es bleibt mir ein Rätsel, wie man hier den ganzen Tag arbeiten kann. Jedenfalls bis wir den Engine Control Room erreichen – dieser ist klimatisiert und wie es scheint auch schallgedämpft. Vor mir erstreckt sich eine Schaltzentrale, wie ich sie maximal in einem Großkraftwerk erwartet hätte. Unzählige Schalter, Knöpfe, Kontrollleuchten, sowie Mess- und Überwachungsinstrumente verteilen sich rund um den „Cockpit Platz“ des Chief Engineers. Wer dieses Klavier bespielen möchte, muss ein wahrer Virtuos sein. So wundert es mich auch nicht mehr, dass der CE nach dem Kapitän der ranghöchste Offizier ist.


Nach der kurzen Verschnaufpause heißt es wieder Ohrenschützer auf, denn der Chefmechaniker zeigt mir einige Werksräume, ausgestattet mit gigantischen Werkzeugen und Maschinen. Schließlich ist man auf großer Fahrt auf sich allein gestellt. „Handwerker“ an Bord von Schiffen, erklärt man mir, haben Tradition. Schon früher fuhren Schiffszimmerer und Tuchmacher auf besegelten Handelsschiffen mit, um autark das Schiff in Schuss zu halten. So ist das heute quasi auch noch, nur gibt es Motoren statt Segeln und deutlich weniger Holz. Quasi alles wie früher, nur anders.
Die Räume hier sind pikobello sauber und aufgeräumt. Im großen Maschinenraum bestaune ich 5 riesige Generatoren. Diese versorgen die unterschiedlichen Einheiten des Schiffes, wie z. B das Frischluftsystem, die Wasseraufbereitungsanlage, die Bordelektronik sowie die Schiffsküche. Die Maschinisten sind also keineswegs "nur" Mechaniker, sondern brauchen auch ein gutes Verständnis in Punkten IT und Elektrotechnik. Mein Interesse fällt auf die große Wasseraufbereitungsanlage. Die Frisch- und Brauchwasseraufbereitung auf Schiffen erfolgt meist klassisch über die Verdampfung, bei welcher das anschließende Kondenswasser genutzt wird. Das ist auch auf der Hatsu Crystal so – soweit ich das beurteilen kann. Kreuzfahrtschiffe mit enormem Wasserverbrauch, setzten das Verfahren der Umkehrosmose ein. Hierbei wir das Wasser von Pumpen durch eine halbdurchlässige Membran gedrückt. Dadurch lösen sich die Salze in den Wassermolekülen. Das wird hier ganz schön technisch, nicht uninteressant, aber technisch - denke ich mir heimlich.


Der ganze Stolz des Ingenieurs ist, wie sollte es auch anders sein, der 80.000 Pferdestärken leistende Motor. Die Hauptmaschine! Der gewaltige Schiffsmotor erstreckt sich durch drei Decks und ich bin erschlagen von der schieren Größe. Die Erschütterungen gehen mir durch Mark und Bein. Die kraftvolle Maschine arbeitet unter lautem Getöse und treibt die Schraube der Hatsu Crystal an. Um den Durst dieses Ungetüms täglich stillen zu können, bedarf es eines Fassungsvermögens an Bunker von gut 5 Mio Liter. Damit das Schiff nicht in Schräglage gerät, verteilen sich 19 Tanks innerhalb des Rumpfes. Der Chefmaschinist zeigt mir, dass sämtliche Daten in Echtzeit berechnet werden. Ich staune nicht schlecht: Bei unserer derzeitigen Geschwindigkeit von 19 Konten (ca. 35 km) verbraucht der Ozeanriese pro Tag gut 130.000 Liter Bunker. Vergleiche ich das einfach mit einem PKW, ohne die Gewichtsunterschiede und Verdrängung zu berücksichtigen, bedeutet das einen Spritverbrauch von 15.000 Litern auf 100km.


Nach der Hauptmaschine beeindruckt mich so schnell nichts mehr. So beschließe ich auf meinen grade wieder freigegebenen persönlichen Ausguck auf dem Sonnendeck zurückzukehren. Hier wartet nicht nur das eingangs erwähnte Bier,  sondern auch ein besonders sonniger Nachmittag. Der Tag klingt aus, während wir uns langsam dem Suez Kanal nähern. Ein weiteres Highlight auf meiner Reise, auf das ich mich freue, gleichzeitig aber auch mit Respekt betrachte. In Ägypten hat das Militärregime das Land wieder einigermaßen stabilisiert und ein besonderes Interesse liegt im Schutz des Kanals. Aber im Hinterkopf bleiben mir die Videos von Terroristen, die mit Raketenwerfern auf Containerriesen, der gleichen Bauart wie die Hatsu Crystal schossen. Mein Fernglas bleibt zunächst griffbereit.

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