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Blog | | von P. Bensmann

Leinen los! - Tag 10 - Das Eritreische Meer

Heute mit Crew Training und zu chinesischen Rettungsgurten

Das Meer präsentiert sich mir heute in tiefblau und seidenmatt. Die leichten Wellen des Roten Meeres wirken schwerfällig. Beim Mittagessen werde ich vom ersten Offizier über die Ursachen aufgeklärt: Das rote Meer hat einen besonders hohen Salzgehalt. Unter Wasser präsentiert sich jedoch ein wahres Haifischbecken. Mit bis zu 44 verschiedenen Hai Arten ist es an Vielfalt kaum zu übertreffen. Das ca. 2.200 km lange und ca. 2.600 m tiefe Meer bietet an seinen Küsten mit sogenannten Saumriffen einen optimalen Lebensraum für eine Vielzahl von Meerestieren. In der Antike auch Eritreisches Meer genannt, ist es unter Seefahrern dafür berüchtigt, recht launisch zu sein. So kann es jederzeit vorkommen, dass starke Winde einfallen und die See aufpeitscht. Sicher nichts was einem Containerriesen zu schaffen macht, hoffe ich insgeheim. Bislang waren die Wetterbedingungen eher mild, meine Seetüchtigkeit wurde nicht übermäßig strapaziert.

Gesättigt und mit der Hoffnung auf ruhige See schaue ich an der Infotafel vorbei. Heute  ist ein weiteres Crew Training angesetzt. Diese für alle verpflichtende Übung soll um 15:30 Uhr stattfinden. Wieso schon jetzt das dritte Sicherheitstraining innerhalb von 10 Tagen? Der 3. Offizier klärt mich auf: Direkt nach dem Auslaufen aus Singapur wurde ein Training durchgeführt, da  neben mir als Passagier, auch ein neues Crewmitglied die Seereise angetreten hat. Der 2. "Security Drill" war eine Vorbereitung auf die besonderen Sicherheitsmaßnahmen in dem  Hochrisikogebiet. Heute handelt es sich um das "normale" Sicherheitstraining, das alle vier Wochen auf dem Pflichtprogramm steht.

Mit Sicherheitshelm, Schwimmweste und Rettungsanzug mache ich mich auf den Weg zum Notfallsammelplatz. Dieser befindet sich direkt bei den Rettungsbooten. Der Notfallanzug ist ein Neoprenanzug für Extremsituationen, bei welchen es nicht möglich ist, das Schiff über die Rettungsboote zu verlassen. Die Anprobe eines solch „modischen“ und recht engen Kleidungsstückes, bleibt mir Gott sei dank erspart. Die zu trainierende Notfallsituation gibt, wie immer, der Kapitän vor. Er macht es geschickt, hält Stellung und sich damit aus der Übung heraus. Crew und Passagiere ziehen vorbildlich mit und an einem Strang.

Nach einer Feuerübung wird die Evakuierung der Besatzung über die Rettungsboote trainiert. Dabei weiß jeder an Bord, auf welchem der beiden Rettungsbooten an Steuer- und Backbord er sich einzufinden hat. Da stehe ich also vor Rettungsboot eins und mühe mich durch die nur ca. 1 mal 1,5 m kleine Luke in das signalrote Kunststoffboot. Im Inneren des Bootes finden bis zu 20 Personen Platz. Nach dem Zutritt wird zunächst geprüft, ob alle notwendige Technik und Verpflegung an Bord ist. Dies sind beispielsweise Erste-Hilfe-Koffer, Medikamente, Notruder, Werkzeuge, Frischwasser, Nahrungskonserven sowie Leuchtpistolen und ein Fernglas. Auch in Notsituationen werde ich meinem neuen Hobby also nachgehen können. Selbst vermeintliche Kleinigkeiten wie der Dosenöffner haben ihren festen Platz. Nun heißt es anschnallen. Ähnlich wie im Flugzeug ist jeder Sitzplatz mit Schulter- und Beckengurten ausgestattet. Das sollte doch eine einfache Übung sein... dachte ich jedenfalls! Trotz festen Ziehens wollen sich die chinesischen Rettungsgurte partout nicht meinen grazilen germanischen Körpermaßen anpassen. Die Eingangsluke hatte ich noch erfolgreich gemeistert, aber nun fehlt es nicht an meinem guten Willen, sondern an ein paar Zentimetern Material. Der 3. Offizier bedankt sich höflich für meinen Einsatz und notiert den Mangel, der alsbald behoben werden soll. Dass die Erkenntnis zu kurzer Anschnallgurte für stattliche Männerfiguren neu sein soll, amüsiert mich. Hat denn der erste Offizier bisher nicht an diesen Übungen teilgenommen? ;-)

Anschließend wird durch die jeweils benannten Verantwortlichen der Startvorgang der Motoren durchgeführt und auch das Herausheben des Bootes mit Hilfe der Davit wird simuliert. Als das Training beendet ist, sind alle Teilnehmer nass geschwitzt. Die Kunststoffboote sind den ganzen Tag der prallen Sonne ausgesetzt und verwandeln den Innenraum in eine Sauna. Bei so viel harter Arbeit habe ich mir mein Feierabendbierchen redlich verdient. So entlohnte ich mich ausnahmsweise schon vor dem Abendessen mit einer Flasche und Blick auf das ruhige Treiben auf dem Wasser.

Als ich nach dem Abendessen mein Feierabendbierchen Teil II genießen möchte, staune ich nicht schlecht. Offensichtlich haben Poseidon und Aiolos die Hinweise des ersten Offiziers zu den teils heftigen Wetterlagen auf dem roten Meer umgehend in die Tat umgesetzt. Es ist zwar immer noch sonnig und mild, aber der Wind pfeift mit einer Geschwindigkeit von über 70 km/h über das Sonnendeck. Ich muss mich am Geländer festhalten und meine Brille in Sicherheit bringen. An das Aufstellen meines Sonnenstuhles ist überhaupt nicht zu denken. So geht der Tag unwirscher als gewohnt zu Ende und ich kann meine Seetüchtigkeit ein für alle Male unter Beweis stellen.
Es bleibt also spannend und ich werde weiter berichten.

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