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Blog | | von C. Lohoff

Der IS steht im Nahen Osten unter Druck – Konsequenzen auch in Europa spürbar

Die Rückeroberung der irakischen Millionenstadt Mosul dauert mittlerweile mehr als ein Jahr.

Die irakische Armee hat den Ostteil der Stadt komplett eingenommen, doch die Kämpfe im Westen der Stadt halten an. Weiterhin sind schätzungsweise 150.000 Zivilisten eingeschlossen und werden, zum Teil durch Scharfschützen an der Flucht gehindert oder als menschliche Schutzschilde missbraucht. Doch so brutal die Kämpfe im Irak und in Syrien auch sind, zeigt sich, dass der sogenannte Islamische Staat im Nahen Osten Zusehens unter Druck gerät.

Die einstige Organisation mit der der IS seine mittelalterliche Auslegung des Islam brutal durchsetzte, ist nicht mehr erkennbar. Der IS hatte es geschafft, seinen fundamentalistischen Anhänger etwas zu bieten, was zuvor keiner islamistischen Gruppierung gelungen war. Er bot neben der radikalen und fundamentalistischen Auslegung und den Hass gegen vermeintlich Andersgläubige eine staatliche Struktur mit Verwaltung, relativer Sicherheit und einer Grundversorgung. Damit schaffte der IS, was anderen terroristischen Vereinigungen nicht in einem solchen Ausmaß gelungen war; tausende Islamisten aus aller Welt schlossen sich dem IS an und waren bereit für ihn zu kämpfen.

Doch diesen Vorteil hat der IS in den vergangenen Monaten immer weiter einbüßen müssen. Ein Großteil der Führungsriege ist tot, die geografischen Gebiete, die der IS kontrolliert, werden kleiner und somit auch die Annehmlichkeiten für die Anhänger. Eine Verwaltung, wie sie noch vor Monaten stattgefunden hat, existiert nicht mehr, der IS muss alle Kampffähigen mobilisieren, um dem Druck seiner Gegner etwas entgegensetzen zu können.

Anstelle seines einst strukturierten und peniblen Vorgehens versucht der IS mittlerweile auf anderen Wegen seine Ideologie zu verbreiten und zumindest in der Weltöffentlichkeit den Anschein eines mächtigen Kalifats zu erhalten. Das zeigt sich insbesondere in den Angriffen außerhalb des Nahen Ostens.

Waren frühere Anschläge wie etwa der im November 2015 in Paris oder im März 2016 in Brüssel vergleichsweise gut vorbereitet und in ihrer Planung komplex, hat der IS seine Anhänger mittlerweile zu deutlich wahlloseren und mit einfacheren Mitteln durchzuführenden Angriffen aufgerufen.

Ähnlich wie radikale palästinensische Gruppen rief der IS seit 2016 dazu auf, auch mit Autos, Messern, Steinen und anderen leicht erhältlichen Gegenständen „Ungläubige“ zu töten. In dieses Muster lassen sich auch die jüngsten islamistisch begründeten Anschläge in Europa, wie der Vorfall auf der London Bridge, in Stockholm oder auch Berlin, einordnen.

Neben dieser neunen, kaum kontrollierbaren oder vorhersehbaren Form der Machtdemonstration im Westen, ist aber auch eine Expansion gen Osten in die Krisengebiete Afghanistan, Pakistans oder Bangladeschs erkennbar und auch auf den Philippinen haben etliche islamistische Gruppierungen dem IS die Treue geschworen. Von einem Niedergang des IS kann also zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Rede sein. Vielmehr befindet sich der IS in einer Phase der Neustrukturierung und Ausrichtung. Das Interesse der Gruppe, seine Marke durch Propaganda und Gewalt zu erhalten, ist hoch, denn von ihr geht weiterhin eine hohe Anziehungskraft aus. Diese Anziehungskraft mag in der Hinsicht zurückgegangen sein, dass die Anhänger des IS nicht mehr unbedingt in die noch vom IS kontrollierten Gebiete im Irak und Syrien reisen. Doch sie hat weiterhin Inspirationskraft, die auch einzelne Anhänger dazu veranlasst, den Kampf des IS nach Europa zu tragen, sei es um Präsenz zu zeigen oder die Verluste im Nahen Osten zu rächen.

Quellen: Süddeutsche Zeitung, The Independent, The Guardian, UNHCR
Bild: SFS trains IqAF security forces [Image 5 of 9] von DVIDSHUB (CC BY-SA 2.0)

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